Am 22. September 2021 detektierte das IceCube-Observatorium in der Antarktis ein hochenergetisches Neutrino mit etwa 750 Teraelektronenvolt. Fast fünf Jahre später identifizierte ein Forscherteam unter Leitung von Yuji Urata die wahrscheinlichste Quelle: eine staubverhüllte Starburst-Galaxie in rund elf Milliarden Lichtjahren Entfernung, die den Spitznamen „Shadow Blaster“ erhielt.
Neutrino-Detektion im antarktischen Eis
Das IceCube-Neutrino-Observatorium nutzt einen Kubikkilometer Eis unter dem Südpol als Detektor. 5.160 optische Module an 86 Kabelsträngen registrieren die schwache Cherenkov-Strahlung, die entsteht, wenn Neutrinos mit dem Eis wechselwirken. Das Ereignis IC 210922A erzeugte eine spurartige Signatur, die eine grobe Richtungsbestimmung ermöglichte. Die Lokalisierungsgenauigkeit betrug etwa 1,2 Quadratgrad – ein Himmelsbereich, der etwa sechsmal so groß ist wie der Vollmond.
Neutrinos sind elektrisch neutrale Elementarteilchen, die kaum mit Materie wechselwirken. Diese Eigenschaft ermöglicht es ihnen, aus dichten astrophysikalischen Umgebungen zu entkommen, macht sie aber auch schwer nachweisbar.
Suche nach der Quelle
Nach der Detektion durchsuchten zahlreiche Teleskope den angegebenen Himmelsbereich nach elektromagnetischen Gegenstücken. Gamma-, Röntgen- und optische Observatorien wie Fermi, HAWC, Swift und das Zwicky Transient Facility fanden keine signifikanten Signale. Erst das James Clerk Maxwell Telescope mit seiner SCUBA-2-Kamera entdeckte am 24. September 2021 eine starke Quelle bei 850 Mikrometern Wellenlänge.
Weitere Beobachtungen mit dem Submillimeter Array und ALMA zeigten, dass es sich um eine gravitativ gelinste Galaxie handelt. Eine Vordergrundgalaxie verzerrt und verstärkt das Licht der dahinterliegenden Starburst-Galaxie, wodurch vier bogenförmige Bilder entstehen. Die Analyse ergab, dass die als „Shadow Blaster“ bezeichnete Galaxie vor etwa elf Milliarden Jahren existierte und durch intensive Sternentstehung geprägt war.
Die Studie, die im Juni 2026 in Nature Astronomy veröffentlicht wurde, betont, dass es sich um einen plausiblen Kandidaten handelt, nicht um einen definitiven Nachweis. Die Ergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass staubige Starburst-Galaxien bisher möglicherweise unterschätzte Quellen kosmischer Neutrinos darstellen.
- Nature Astronomy (2026): „Multimessenger observations of a neutrino-emitting galaxy“
- IceCube Collaboration (2021): „Real-time Alert IC 210922A“
- James Clerk Maxwell Telescope Observations Archive
- ALMA Science Verification Data
