Die Erforschung des Tiefseebodens stellt eine enorme Herausforderung dar. Wissenschaftler schätzen, dass selbst mit 1.000 Tauchfahrzeugen, die jeweils etwa drei Quadratkilometer pro Jahr untersuchen, mehr als 100.000 Jahre benötigt würden, um den gesamten Tiefseeboden einmal visuell zu erfassen. Bisher haben Menschen weniger als 0,001 Prozent des Tiefseebodens direkt gesehen.
Die aktuelle Erfassung des Tiefseebodens
Eine Studie aus dem Jahr 2025, geleitet von Katherine Croff Bell von der Ocean Discovery League, zeigt, dass zwischen 1958 und 2024 insgesamt 43.681 Tauchgänge in Tiefen über 200 Metern aufgezeichnet wurden. Die Forscher schätzen, dass dabei zwischen 0,0006 und 0,001 Prozent des Tiefseebodens visuell erfasst wurden, was maximal 3.823 Quadratkilometern entspricht. Dies ist weniger als ein Tausendstel Prozent eines Gebiets, das etwa zwei Drittel der Erdoberfläche bedeckt.
Die durchschnittliche Erfassungsrate liegt bei etwa drei Quadratkilometern pro Jahr. Diese Schätzung basiert auf den Betriebsdaten von neun verschiedenen Tauchsystemen, darunter bemannte Fahrzeuge wie Alvin und ferngesteuerte Systeme wie Jason und Deep Discoverer. Die individuelle Jahresleistung variierte zwischen 0,59 Quadratkilometern für Little Hercules und 6,05 Quadratkilometern für Alvin.
Die Herausforderungen der Tiefseeforschung
Die Erfassung des Tiefseebodens ist nicht gleichbedeutend mit dessen Kartierung. Während Multibeam-Sonar-Systeme große Flächen erfassen und Informationen über Tiefe, Neigung und größere Landformen liefern können, zeigen Kameras, die nahe am Boden eingesetzt werden, Organismen, feine Sedimente, kleine geologische Merkmale und Interaktionen, die durch Kartierung allein nicht erfasst werden können. Bis April 2026 wurden etwa 28,7 Prozent des globalen Meeresbodens nach modernen Standards kartiert, was jedoch nicht bedeutet, dass dieser Bereich auch visuell untersucht wurde.
Die bisherigen visuellen Aufnahmen sind zudem geografisch ungleich verteilt. 65 Prozent der Beobachtungen fanden innerhalb von 200 Seemeilen der Küsten der USA, Japans oder Neuseelands statt. Fünf Länder – die USA, Japan, Neuseeland, Frankreich und Deutschland – waren für 97 Prozent aller aufgezeichneten Tauchgänge verantwortlich. Fast 30 Prozent der Beobachtungen stammen aus der Zeit vor 1980 und bestehen oft aus Schwarz-Weiß-Bildern mit niedriger Auflösung statt moderner Videoaufnahmen.
Die Studie zeigt, dass eine vollständige visuelle Erfassung des Tiefseebodens nicht nur extrem zeitaufwendig, sondern auch kostspielig wäre. Stattdessen schlagen die Forscher vor, sich auf repräsentative Proben zu konzentrieren, um die größten Wissenslücken zu schließen. Im Jahr 2026 veröffentlichte Bell’s Team einen Rahmenplan für die globale Tiefseeforschung, der darauf abzielt, eine ausgewogenere und informativere Datengrundlage zu schaffen.
- Science Advances, 2025: „Visual Exploration of the Deep Seafloor“
- NOAA: „How Much of the Ocean Has Been Explored?“
- GEBCO Seabed 2030 Project Report, April 2026