Die unsichtbaren Flüsse des Amazonas-Regenwaldes

Der Amazonas-Regenwald fungiert als gigantische Pumpe für atmosphärische Feuchtigkeit. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Bäume täglich zwischen 15 und 20 Milliarden Tonnen Wasser in die Atmosphäre abgeben. Diese Menge entspricht ungefähr dem täglichen Abfluss des Amazonas-Flusses in den Atlantik.

Der Mechanismus der fliegenden Flüsse

Der Prozess beginnt mit der Transpiration einzelner Bäume. Ein ausgewachsener Baum im Amazonas gibt täglich 500 bis 1000 Liter Wasser an die Umgebungsluft ab. Das verdunstete Wasser wird von den Passatwinden erfasst und über den Kontinent transportiert. Laut Forschungen des brasilianischen Nationalinstituts für Weltraumforschung (INPE) durchläuft die Feuchtigkeit einen Kreislauf von fünf bis sechs Wiederholungen, während sie das Amazonasbecken von Ost nach West überquert.

An der Westgrenze des Amazonas stoßen die feuchtigkeitsbeladenen Luftmassen auf die Anden. Die Gebirgskette zwingt die Luft zum Aufsteigen, was zu Abkühlung und Kondensation führt. Ein Teil des Wassers fällt als Niederschlag auf die östlichen Andenhänge, der Rest wird nach Süden abgelenkt.

Auswirkungen auf die Landwirtschaft Südamerikas

Die nach Süden abgelenkte Feuchtigkeit versorgt weite Teile des landwirtschaftlichen Gürtels in Südamerika. Untersuchungen von Dr. Antonio Nobre vom Nationalen Institut für Amazonasforschung belegen, dass diese „fliegenden Flüsse“ einen wesentlichen Anteil der Niederschläge in Bolivien, Paraguay, Argentinien und mehreren brasilianischen Bundesstaaten ausmachen.

Modellrechnungen zeigen drastische Konsequenzen bei weiterer Abholzung: Die südlichen Agrarregionen Brasiliens, die 70% der nationalen Wirtschaftsleistung erbringen, würden deutlich trockener werden. Nordbolivien und Südperu könnten über 70% ihrer jährlichen Niederschläge verlieren. In Nordargentinien und Paraguay wären Desertifikationsprozesse zu erwarten, die in der modernen Geschichte dieser Regionen beispiellos wären.

Satellitengestützte Studien aus dem Jahr 2022 bestätigen, dass die Umwandlung von Wald in Ackerland bereits messbare Auswirkungen hat. Die Trockenzeiten im südlichen Amazonasgebiet haben sich in den letzten drei Jahrzehnten verlängert. Die verbleibende Waldfläche transpiriert deutlich weniger Wasser als das ursprüngliche Ökosystem.

  • Quelle: National Institute for Space Research (INPE) – Brasilien
  • Quelle: National Institute of Amazonian Research (INPA) – Brasilien
  • Quelle: Nature Communications (2022) – Studie zur terrestrischen Wasserbilanz
  • Quelle: Mongabay-Interview mit Dr. Antonio Nobre (2023)