Die Frage, wo der Weltraum beginnt, ist seit Jahrzehnten Gegenstand von Diskussionen. Es gibt keine klare physikalische Grenze, da die Erdatmosphäre allmählich dünner wird, ähnlich wie ein Strand ins Meer übergeht. Verschiedene Organisationen und Länder haben unterschiedliche Definitionen festgelegt, die sich auf Astronautenabzeichen, Raumfahrtrekorde und sogar nationale Luftraumhoheit auswirken.
Historische Definitionen und ihre Bedeutung
Die bekannteste Definition ist die Kármán-Linie bei 100 Kilometern Höhe. Sie wurde 1960 von der Fédération Aéronautique Internationale (FAI) eingeführt, um Luftfahrt- von Raumfahrtrekorden zu trennen. Der Name geht auf den Wissenschaftler Theodore von Kármán zurück, der bereits 1957 den Begriff prägte. Die USA verwenden hingegen eine Grenze von 50 Meilen (etwa 80 Kilometern), die für die Vergabe von Astronautenabzeichen genutzt wird. So erhielten beispielsweise drei X-15-Piloten im Jahr 2005 posthum die Anerkennung als Astronauten, da sie diese Höhe erreicht hatten.
Rechtlich gibt es keine festgelegte Grenze. Das Chicagoer Abkommen von 1944 gewährt Staaten die vollständige Souveränität über ihren Luftraum, während der Weltraumvertrag von 1967 die Aneignung des Weltraums durch Staaten verbietet. Doch wo genau der Luftraum endet und der Weltraum beginnt, bleibt unklar. Seit 1966 diskutiert der UN-Ausschuss für die friedliche Nutzung des Weltraums diese Frage, ohne eine Einigung zu erzielen.
Wissenschaftliche Ansätze und aktuelle Diskussionen
Wissenschaftliche Analysen bieten unterschiedliche Perspektiven. Theodore von Kármán selbst schlug 1961 einen Bereich von 91 bis 122 Kilometern vor, wobei die 100-Kilometer-Marke als runde Zahl innerhalb dieses Bereichs gewählt wurde. Jonathan McDowell, Astronom am Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics, argumentiert hingegen für eine Grenze bei etwa 80 Kilometern. Seine Analyse basiert auf Satellitenbahnen und zeigt, dass Satelliten unterhalb dieser Höhe ihre Umlaufbahn nicht lange halten können.
Weitere Indizien stützen McDowells Argument. Meteore zerbrechen meist in einer Höhe von 70 bis 100 Kilometern, was auf eine zunehmende atmosphärische Dichte hinweist. Auch die Mesopause, eine Grenzschicht in der oberen Atmosphäre, liegt in diesem Bereich. McDowell schlägt vor, die 80-Kilometer-Marke als neue Konvention zu übernehmen, da sie besser mit den tatsächlichen physikalischen Gegebenheiten übereinstimmt.
Die FAI hat diese Argumente geprüft, sich jedoch 2023 entschieden, die 100-Kilometer-Grenze beizubehalten. Diese Entscheidung hat praktische Auswirkungen, insbesondere für die Raumfahrtindustrie. So erreichte Richard Branson mit Virgin Galactic im Juli 2021 eine Höhe von etwa 86 Kilometern, während Jeff Bezos mit Blue Origin die 100-Kilometer-Marke überschritt. Je nach Definition könnten Bransons Passagiere somit als Astronauten gelten oder nicht.
- Quelle: FAI-Präsentation von Nicolas Bérend (2023)
- Quelle: Jonathan McDowell, „The edge of space: Revisiting the Karman Line“ (2018)
- Quelle: UN-Ausschuss für die friedliche Nutzung des Weltraums