Seit den 1980er Jahren beschäftigt Astronomen ein Phänomen, das als „Großer Attraktor“ bekannt ist. Galaxien in unserer kosmischen Nachbarschaft, einschließlich der Milchstraße, werden von einer massiven Anziehungskraft erfasst, die sie in Richtung eines bestimmten Punktes im Universum zieht. Dieser Punkt liegt etwa 147 Millionen Lichtjahre entfernt in Richtung der Sternbilder Hydra und Centaurus. Doch was genau diese Anziehungskraft verursacht, blieb lange Zeit ein Rätsel.
Die Herausforderung der Zone der Vermeidung
Das Problem bei der Erforschung des Großen Attraktors liegt in seiner Position. Er befindet sich direkt hinter der dichten Scheibe der Milchstraße, einem Bereich, der als „Zone der Vermeidung“ bekannt ist. Diese Zone, die etwa ein Fünftel des sichtbaren Himmels ausmacht, ist durch Staub und Sterne so stark verdeckt, dass sie den Blick auf dahinterliegende Galaxien blockiert. „Die Milchstraße ist zwar schön und interessant, aber sie versperrt komplett den Blick auf die weiter entfernten Galaxien dahinter“, erklärt Lister Staveley-Smith, Astrophysiker an der University of Western Australia.
Jahrzehntelang blieb die größte bekannte Massenkonzentration in unserer kosmischen Umgebung daher weitgehend unerforscht. Erst durch den Einsatz von Instrumenten, die nicht auf sichtbares Licht, sondern auf andere Wellenlängen wie Röntgenstrahlen oder Infrarotlicht angewiesen sind, gelang es, den Staub zu durchdringen und den Großen Attraktor genauer zu untersuchen.
Die Entdeckung des Norma-Clusters
Im Jahr 1996 identifizierte ein Team unter der Leitung der Astronomin Renée Kraan-Korteweg einen massiven Galaxienhaufen, der als Abell 3627 oder Norma-Cluster bekannt wurde. Dieser Cluster liegt nur etwa neun Grad vom berechneten Zentrum des Großen Attraktors entfernt und hat eine Masse von etwa fünftausend Billionen Sonnenmassen. Eine separate Röntgenuntersuchung im selben Jahr bestätigte die Existenz dieses massereichen Objekts, das sich genau dort befindet, wo die Berechnungen eine enorme Masse vorhersagten.
Der Norma-Cluster bleibt bis heute die größte bekannte Struktur in dieser Richtung. Doch seine Entdeckung war nur der Anfang. In den folgenden Jahren wurden weitere Galaxien und Strukturen in der Zone der Vermeidung gefunden. Eine Untersuchung mit dem Parkes-Radioteleskop im Jahr 2016 kartierte 883 Galaxien, von denen etwa ein Drittel zuvor unbekannt war. „Die Entdeckung von Hunderten neuer Galaxien hinter der Milchstraße deutet auf eine Menge Masse hin, die wir bisher nicht kannten“, sagte Kraan-Korteweg.
Ein weiterer bedeutender Fund war der Vela-Supercluster, der 2016 entdeckt wurde. Dieser Supercluster besteht aus mehr als zwanzig einzelnen Galaxienhaufen und liegt etwa 800 Millionen Lichtjahre entfernt. Mit einer geschätzten Gesamtmasse von 34.000 Billionen Sonnenmassen ist er eine der größten bekannten Strukturen im Universum. Obwohl er nicht direkt mit dem Großen Attraktor in Verbindung steht, zeigt er, dass die Zone der Vermeidung weit mehr verbirgt als nur einen einzelnen Galaxienhaufen.
Ein Rätsel, das weiterhin besteht
Trotz dieser Fortschritte bleibt der Große Attraktor ein unvollständig verstandenes Phänomen. Die genauen Grenzen seiner Masseverteilung sind selbst in den neuesten Analysen noch unscharf, und es gibt noch keine umfassende Studie, die alle verborgenen Strukturen hinter der Milchstraße vollständig kartiert hat. Doch die grundlegende Erkenntnis bleibt: Es gibt tatsächlich eine enorme Masse, die sich fast genau dort befindet, wo die frühesten Messungen sie vorhergesagt haben.
Die Erforschung des Großen Attraktors ist ein Beispiel für die Geduld und Beharrlichkeit der Wissenschaft. Es dauerte Jahrzehnte, bis die ersten Hinweise durch immer bessere Instrumente bestätigt wurden. Und auch heute bleibt noch viel zu entdecken in diesem verborgenen Bereich des Universums.
- Britannica: Informationen zur Position des Großen Attraktors
- Nature: Veröffentlichung von Renée Kraan-Korteweg (1996)
- CSIRO: Bericht zur Parkes-Radioteleskop-Untersuchung (2016)