Am 24. Januar 1978 trat der sowjetische Satellit Kosmos 954 in die Erdatmosphäre ein und zerbrach über kanadischem Territorium. Der Satellit, der einen Kernreaktor an Bord hatte, streute radioaktive Trümmer über eine Fläche von 124.000 Quadratkilometern im Norden Kanadas. Dieses Ereignis löste eine umfangreiche Such- und Aufräumaktion aus und führte zu diplomatischen Verhandlungen zwischen Kanada und der Sowjetunion.
Der Satellit und sein Kernreaktor
Kosmos 954 wurde am 18. September 1977 gestartet und war ein nuklearbetriebener Aufklärungssatellit der Sowjetunion. Der Satellit trug einen Kernreaktor, der mit Uran-235 betrieben wurde und über eine aktive Zone aus wärmeabgebenden Elementen sowie einen Beryllium-Reflektor verfügte. Der Reaktor war so konstruiert, dass er beim Wiedereintritt in die Atmosphäre vollständig zerstört werden sollte. Diese Konstruktion wurde später vom sowjetischen Botschafter in Ottawa bestätigt, der behauptete, dass keine nennenswerte Gefahr bestehe und nur geringfügige lokale Verunreinigungen zu erwarten seien.
Operation Morning Light und die Folgen
Unmittelbar nach dem Absturz boten die Vereinigten Staaten Kanada technische und materielle Unterstützung an, die sofort angenommen wurde. Die daraus resultierende Such- und Aufräumaktion wurde als Operation Morning Light bezeichnet und verlief in zwei Phasen: Die erste Phase dauerte vom 24. Januar bis zum 20. April 1978, die zweite Phase vom 21. April bis zum 15. Oktober 1978. Kanadische und amerikanische Teams suchten, bargen und untersuchten Trümmerteile und reinigten die betroffenen Gebiete.
Die Bergungsteams stellten fest, dass fast alle gefundenen Fragmente radioaktiv waren, einige davon sogar mit tödlicher Radioaktivität. Insgesamt wurde jedoch nur etwa 0,1 Prozent der Energiequelle des Satelliten geborgen, was bedeutet, dass der Großteil der radioaktiven Materialien nicht gefunden wurde. Die geborgenen Materialien wurden zur Untersuchung an das Whiteshell Nuclear Research Establishment in Pinawa, Manitoba, geschickt.
Kanada rechnete die Kosten für die Aufräumarbeiten genau ab und stellte der Sowjetunion eine Rechnung über 6.041.174,70 Kanadische Dollar. Diese Summe basierte auf den tatsächlich entstandenen Kosten, die als angemessen und direkt durch den Absturz verursacht angesehen wurden. Die rechtliche Grundlage dafür war das Übereinkommen über die völkerrechtliche Haftung für Schäden durch Weltraumgegenstände von 1972, das die absolute Haftung des Startstaates für Schäden durch sein Raumfahrzeug auf der Erdoberfläche vorsieht.
Am 2. April 1981 einigten sich Kanada und die Sowjetunion schließlich auf eine Zahlung von 3 Millionen Kanadischen Dollar als vollständige und endgültige Abfindung. Diese Summe entsprach etwa der Hälfte der von Kanada geforderten Kosten und einem Fünftel der tatsächlichen Gesamtkosten der Operation Morning Light.
- Quelle: Statement of Claim, Kanada
- Quelle: Diplomatische Notizen der Sowjetunion
- Quelle: Berichte von Health Canada