Zwischen 1946 und 1993 haben mehrere europäische Länder schätzungsweise 200.000 Fässer mit radioaktivem Abfall im Nordostatlantik versenkt. Die Entsorgung erfolgte in Tiefen von mehreren Kilometern und war bis zum Verbot im Jahr 1993 legal und international abgestimmt. Aktuelle Untersuchungen sollen nun klären, in welchem Zustand sich die Fässer befinden und ob es zu Leckagen gekommen ist.
Die Entsorgungspraxis und ihre Hintergründe
Die Versenkung von radioaktivem Abfall im Meer wurde von Ländern wie Großbritannien, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Schweden, der Schweiz und Deutschland durchgeführt. Die Abfälle wurden in versiegelten Fässern in Tiefen von 3.000 bis 5.000 Metern deponiert. Die Annahme war, dass der tiefe Ozean ein Ort sei, von dem keine signifikanten Konzentrationen von Radioaktivität in menschlichen Zeitskalen zurückkehren würden. Diese Annahme wird nun überprüft.
Die Entsorgung erfolgte hauptsächlich zwischen 1949 und 1982, mit einem Höhepunkt in den 1970er Jahren. Insgesamt wurden etwa 150.000 Tonnen Material mit einer Radioaktivität von 42,4 Petabecquerel in den Nordostatlantik eingebracht. Dabei handelte es sich überwiegend um schwach radioaktive Feststoffe, die in Metallfässern verpackt waren. Die Abfälle umfassten Prozessschlamm aus Wiederaufbereitungsanlagen, kontaminierte Metallteile, Ionenaustauscherharze aus Reaktorkühlsystemen, Laborgeräte und Schutzbekleidung sowie schwach radioaktive Flüssigkeiten, die in Beton oder Bitumen eingebunden waren.
Das Ende der Meeresentsorgung und aktuelle Untersuchungen
Die Praxis der Meeresentsorgung wurde in zwei Schritten beendet. Im September 1992 verbot die OSPAR-Kommission die Entsorgung von schwach und mittelradioaktiven Abfällen im Nordostatlantik. 1993 folgte ein globales Verbot aller radioaktiven Abfälle, nachdem Russland das Ausmaß der sowjetischen Entsorgungsoperationen offengelegt hatte. Dieses Verbot trat am 20. Februar 1994 in Kraft.
Die Frage, was mit den bereits versenkten Fässern geschehen soll, blieb offen. Die vorherrschende Meinung unter den Regulierungsbehörden war, dass eine Bergung technisch schwierig, extrem kostspielig und potenziell umweltschädlicher wäre als das Belassen der Fässer am Meeresboden.
Seit 2025 untersucht das französische Forschungsprogramm NODSSUM (Nuclear Ocean Dump Site Survey Monitoring) die Fässer mit autonomen Unterwasserfahrzeugen und bemannten U-Booten. Ziel ist es, den Zustand der Fässer und mögliche Leckagen zu bewerten. Die Ergebnisse sollen Aufschluss darüber geben, ob die ursprünglichen Annahmen über die Sicherheit der Entsorgungspraxis zutreffen.
- OSPAR-Kommission: Bericht zur aktuellen NODSSUM-Forschungskreuzfahrt, Juni 2026
- Französisches Nationales Zentrum für wissenschaftliche Forschung: Pressemitteilung zum NODSSUM-Programm