Schüler entdecken geheimes sowjetisches Weltraumbahnhof Plesetsk

Im Jahr 1960 begannen zwei Lehrer der Kettering Grammar School in England mit ihren Schülern sowjetische Raumfahrzeuge zu verfolgen. Mit einem ausgemusterten Armeefunkgerät aus dem Zweiten Weltkrieg gelang ihnen 1966 der Nachweis eines geheimen Raketenstartplatzes in Plesetsk, etwa 800 Kilometer nördlich von Moskau. Die Sowjetunion bestätigte die Existenz des Kosmodroms erst 1983.

Kriegsgerät wird zum Satellitenempfänger

Am 16. Mai 1960 empfingen der Physiklehrer Geoffrey Perry und der Chemielehrer Derek Slater erstmals Signale des sowjetischen Testraumschiffs Korabl Sputnik 1. Als Empfänger diente ein Marconi CR-100, ein britisches Militärfunkgerät aus dem Jahr 1941. Slater hatte das Gerät 1958 erworben, nachdem ein älterer Empfänger die Frequenzen der Sputnik-Satelliten nicht erreichen konnte. Zur präzisen Frequenzmessung nutzten sie zusätzlich ein US-amerikanisches BC-221-Frequenzmessgerät.

Ab 1962 beteiligten sich Schülerinnen der Kettering High School an dem Projekt, später auch Schüler der Grammar School. 1964 gründete sich die Kettering Grammar School Satellite Tracking Group. Die Gruppe wertete den Dopplereffekt der Satellitensignale aus, um deren Umlaufbahnen zu berechnen. Dabei nutzten sie einfache Kurzwellenempfänger und manuelle Berechnungsmethoden.

Orbitdaten führen nach Plesetsk

Am 17. März 1966 startete die Sowjetunion den Satelliten Kosmos 112. Seine Umlaufbahn wich mit einer Neigung von 72,1 Grad zum Äquator deutlich von bisherigen Kosmos-Missionen ab. Perry veröffentlichte die Daten im April 1966 in der Zeitschrift Flight International und schloss aus den Berechnungen, dass der Satellit nicht von den bekannten Startplätzen gestartet sein konnte.

Weitere Satelliten wie Kosmos 114, 121 und schließlich Kosmos 129 im Oktober 1966 bestätigten die These. Durch die Kreuzung der verschiedenen Flugbahnen konnte die Gruppe den Standort auf die Region um Plesetsk eingrenzen. Perry präsentierte die Koordinaten am 3. November 1966 bei der British Interplanetary Society und veröffentlichte sie anschließend.

Die Europäische Weltraumorganisation ESA bestätigt in ihrer historischen Aufarbeitung, dass Plesetsk ursprünglich als Raketenbasis für Interkontinentalraketen diente, bevor es zum Weltraumbahnhof umgebaut wurde. Russland verlieh dem Standort 1994 offiziell den Status eines Kosmodroms.

  • Flight International (April 1966)
  • ESA-Historie zu Plesetsk
  • Science Museum Group Aufzeichnungen
  • Time Magazine (Dezember 1966)